Kriege

Friedrich Wilke

Kriegseinwirkungen auf Giebringhausen


War das Leben in den Dörfern Waldecks schon hart genug, so zogen darüber hinaus zahlreiche Kriege die Menschen in arge Mitleidenschaft. Der Dreißigjährige Krieg von 1618 bis 1648 betraf unser Dorf direkt. Für Giebringhausen spielte die „Bömigkusische Armee“ mit den Söldnern des Reiterführers Lothar von Bönninghausen eine besondere Rolle. Er unterstützte die Heerführer der Liga, Tilly und Wallenstein. Für sie war das protestantische Waldeck Feindesland. Von Meschede aus Westfalen kommend fielen sie 1633 das erste Mal in Waldeck ein, brannten Stormbruch nieder, plünderten Giebringhausen und besetzten Korbach. Die Besetzung war nur von kurzer Dauer. 1634 wiederholten sich die Übergriffe; Pferde und Schlachtvieh wurden fortgeführt nach dem Grundprinzip des Dreißigjährigen Krieges: „der Krieg ernährt den Krieg“! Aufgrund seines zügellosen Handelns wurde Bönninghausen zwar vorübergehend in Haft genommen, wurde aber weiterhin als unersetzlicher Reiterführer gebraucht. Im Jahre 1635 suchte er Waldeck erneut heim und besetzte Bad Wildungen.

Beide Seiten der kriegführenden Parteien standen sich an Grausamkeit in nichts nach. Sie kannten keine Barmherzigkeit gegen Alte und Junge, Frauen und Kinder und plünderten, brandschatzten, quälten und mordeten die Menschen. Am 26. Oktober 1637 wurde der Richter von Giebringhausen Opfer des Krieges.

Im Jahre 1640 wird Giebringhausen nochmals geplündert. Es gibt ein Zeugnis der Müllerin Catherine Gerhart aus dieser Zeit. Sie berichtet: „Und sind die Dorffer wüste geworden und nunmehr die von dem Kriegsvolk mehren Theils abgebrannt.“ An anderer Stelle heißt es: „… und sieben Wochen im Geholze und Bergen gelegen, großen Hunger und Kummer ausgestanden.“ Von den ursprünglich 19 Häusern in Giebringhausen standen 1650 noch zehn Häuser. Es herrschte ein großer Mangel an Vieh, Saatgut und Geräten. Die Felder waren mit Unkraut und Buschwerk überzogen. Man musste eine Bestandsaufnahme machen, denn man wusste nicht, welche Zehnten und Abgabenlasten den einzelnen Ländern zuzuordnen waren.

Im Zeitraum von 1653 bis 1666 wurden auch Zeugen aus Giebringhausen vernommen, wahrscheinlich vor dem Gogericht in Flechtdorf. Zeugen waren: Johann bei der Becke und Heinrich Becker. Die zehntpflichtigen Länder waren zum größten Teil Driesch. Noch 1729 gab es herrenlose Ländereien.

Eine Folge des Dreißigjährigen Krieges war die zunehmende Wolfsplage. Einzelgehöfte waren verlassen, Dörfer und Felder waren verödet. Im Jahre 1655 erhielten die Schäfer die Erlaubnis, mit eigenen Gewehren Wölfe zu schießen. Allmählich wurde man Herr der Wolfsplage. Von einer letzten Großjagd im Jahre 1672 wird im Raum Rhoden berichtet, bei der acht Wölfe zur Strecke gebracht wurden. Noch 1820 soll in Freienhagen ein Wolf erlegt worden sein.

Schon 25 Jahre nach dem Westfälischen Frieden war Waldeck wiederum Schauplatz kriegerischer Auseinandersetzungen. In seinem Raubkrieg (1672 bis 1678) richtete Ludwig XIV. eine Großoffensive gegen die Generalstaaten (Niederlande), die sich seiner Eroberungspolitik widersetzten.

Aus dem Jahre 1673 berichtet Pfarrer Mathias Müller aus Adorf: „Im Adorfer Sprengel (Pfarrei) sind in diesem Jahr außer 14 im Kriegswesen Umgekommenen noch 153 Tote verzeichnet.“ Offenbar haben Epidemien die hohe Zahl von Toten verursacht, denn in Benkhausen grassierte die Rote Ruhr, acht Hofstellen starben aus. Dazu kamen die Folgen der französischen Besatzung. Außer den Pferden blieb kein Stück Vieh im Stall.

Von 1670 bis 1680 starben in Giebringhausen mehr Menschen als geboren wurden, es war ein sterbendes Dorf. Wie so oft wurde die Bevölkerung von zwei Übeln heimgesucht, von Krieg und Epidemie.

1681 wurde angesichts militärischer Drohungen Ludwigs XIV. gegen das Reich die „Reichsdefensionalverfassung“ erlassen. Danach hatte Waldeck im oberrheinischen Kreis eine Kompanie zu stellen. Diese Kompanie war das erste Kontingent der stehenden Truppen Waldecks.
Es bestand seitdem in unterschiedlicher Stärke und Ausrüstung, bis es aufgrund der Militärkonvention vom 8. August 1867 im gleichen Jahr als Füsilierbataillon in die preußische Armee übernommen wurde. Waldeckische Truppen wurden auf vielen Kriegsschauplätzen eingesetzt. Es ist zu vermuten, dass auch Männer aus unserem Dorf beteiligt waren. Das lässt sich nicht mehr feststellen, da es keine Unterlagen dazu gibt.

Der Siebenjährige Krieg (1756 bis 1763) verschonte auch unsere Heimat nicht. Hier standen sich preußische Truppen unter dem Herzog von Braunschweig und französische Truppen mit wechselndem Kriegsglück gegenüber. Beide Seiten beschlagnahmten, was sie brauchen konnten, und verlangten Vorspannleistungen, bei denen Fuhrmann und Pferde oft tagelang unterwegs waren.

Waldecker, unter ihnen auch Giebringhäuser, waren sowohl in holländischen als auch in englischen Diensten als Soldaten im Einsatz. Aufgrund von Verträgen stellten Waldecker Fürsten den Holländern und Engländern Untertanen als Soldaten zur Verfügung. Aus Giebringhausen werden folgende Namen aufgeführt:

1758Adam Heinrich Grieneisen als Angehöriger des 3. Waldeckischen in holländischen Diensten stehenden Bataillons

Bei den folgenden Namen gibt es keine Angaben zu ihrer militärischen Zugehörigkeit:

1759Johann Christoph Gerhard
1760Johann Philipp Flamme
1765Johann Christian Biederbick
1768Christoph Bangert
1771Johann Friedrich Flamme
1774Johann Friedrich Gerhard
1783Corporal Johann Franz Schröder

Aufgrund eines Vertrages vom 14. April 1776 versprach der Fürst Friedrich von Waldeck dem englischen König Georg III., ihm ein Regiment von 670 Mann zum Einsatz im amerikanischen Unabhängigkeitskrieg (1776 bis 1783) zur Verfügung zu stellen. Die Rekrutierung des Regimentes gestaltete sich schwierig. Trotzdem gelang es, das Regiment am 20. Mai 1776 auf den Weg zu schicken. Es wurde begleitet von einem Sonderkommando von 80 Mann und 20 Jägern zu Pferd, das die Soldaten bewachte, da es immer wieder zu Desertationen kam. Das Regiment stand unter der Führung von Oberstleutnant von Hanxleden und Major von Dalwigk. Für den Krieg musste dreimal für Ersatz gesorgt werden. Insgesamt nahmen 1.225 Mann teil, von denen 702 in die Heimat zurückkehrten und 523 zum Teil fielen oder zu den Amerikanern übergingen. Von Hanxleden fiel am 8. Januar 1871 am Mississippi.

An den Napoleonischen Feldzügen nahmen auch Waldecker teil, da Waldeck im Jahre 1807 dem Rheinbund beigetreten war. Waldeck stellte drei Kompanien mit 560 Mann. Eine Kompanie war in Spanien, die anderen beiden waren in Tirol im Einsatz. 1811 nahmen 420 Mann aus Waldeck am Russlandfeldzug Napoleons teil, 60 der 420 kehrten in die Heimat zurück. Im Gegenzug kämpfte Josias von Waldeck an der Seite Preußens im Jahre 1814 gegen Napoleon. 400 Mann nahmen daran teil.

Während der Befreiungskriege machten Truppen auch in Waldeck Station. Lehrer Bangert berichtet in seinem Tagebuch: „Am 1. Juni 1814 waren in Giebringhausen 246 Franzosen einquartiert, am 5. Juni 1814 86 Mann. Im Mai marschierten 2.400 Soldaten durch Giebringhausen.“

Von den weiteren Kriegen im 19. Jahrhundert wurde unser Dorf nicht direkt berührt.

Die beiden Weltkriege im 20. Jahrhundert forderten große Opfer in Deutschland, so auch in unserer Gemeinde. Die Ermordung des österreichischen Thronfolgers Franz Ferdinand und seiner Gemahlin am 28. Juni 1914 in der bosnischen Hauptstadt Sarajewo löste eine Krise aus, die zu einem weltweiten Krieg führte, dem Ersten Weltkrieg.

Obwohl man mit einem Krieg rechnen musste, kam die Mobilmachung Deutschlands für unsere Dorfbevölkerung überraschend. Lehrer Weller schreibt dazu:

„Bestürzung, Begeisterung, Angst und Sorge spiegelten sich in den Mienen der friedlichen Dorfbevölkerung wider, die beim Glockenruf wie am Abend vorher auf der Straße bei der Brücke an diesem Abend lange zusammenblieb.“

Bei Ausbruch des Krieges hatte Giebringhausen 250 Einwohner. Nach Weller waren bis zum Frühjahr 1918 hier 82 Kriegsteilnehmer verzeichnet, was einem Drittel der Bevölkerung unseres Dorfes entsprach. Der Arbeitsausfall, der durch die zum Kriege Einberufenen entstanden war, wurde durch Kriegsgefangene (Russen, Franzosen, Engländer) gedeckt.

Unter den Opfern des Krieges befanden sich 15 Giebringhäuser:

Christian Kern, 27 Jahre, gefallen 15.05.1915 auf einem Torpedoboot in der Nordsee
Fritz Wäscher (Steinbauern), 22 Jahre, gefallen 12.06.1915 bei Sieniawa
Christian Wilke (Bddk), 25 Jahre, gestorben 13.06.1915 in russischer Gefangenschaft
Wilhelm Emde (Suden), 22 Jahre, gefallen 22.01.1916 in den Argonnen, Frankreich
Fritz Biederbick, 22 Jahre, vermisst seit 13.09.1916 an der Somme in Frankreich
Christian Biederbick, 28 Jahre, gefallen 21.11.1916 an der Somme in Frankreich
Christian Schulze (Qu), 25 Jahre, gefallen 11.03.1917 bei Ripont in Frankreich
Karl Riepe(Fieseler), 29 Jahre, gefallen 12.08.1917 in der Champagne in Frankreich
Christian Vollbracht, 25 Jahre, gestorben 30.01.1919 in französischer Gefangenschaft
Heinrich Spratte, 20 Jahre, vermisst seit 17.04.1918 in Frankreich
Karl Emde (Schwertz), 22 Jahre, vermisst seit 20.06.1918 in Frankreich
Fritz Kern, 21 Jahre, gefallen 19.07.1918 in den Argonnen, Frankreich
Karl Hesse, 19 Jahre, vermisst seit 08.08.1918 in Frankreich
Fritz Spratte, 23 Jahre, gefallen am 27.09.1918 in Frankreich
Karl Fieseler (Trüten), 42 Jahre, gefallen 02.11.1918 in Frankreich (Unfall mit Pferden)

Der Zweite Weltkrieg hatte in den ersten beiden Kriegsjahren nur geringfügige Auswirkungen auf unsere Gemeinde. Das änderte sich erst mit dem Beginn des Russland-Feldzuges am 22.Juni 1941 und der Bombardierung Deutschlands durch die Alliierten. Im Jahre 1944 nahm die Gemeinde Giebringhausen Ausgebombte aus Städten wie z. B. Düsseldorf, Wuppertal, Osnabrück, Kassel usw. auf. Daneben gab es noch viele Menschen aus den von deutschen Truppen besetzten Gebieten, die in unserer Gemeinde lebten und arbeiteten.

Als am 1. April 1945, am 1. Ostertag, die amerikanischen Truppen Giebringhausen erreichten, nahmen sie drei Giebringhäuser, Angehörige der Wehrmacht, gefangen: Fritz Rest jr., Christian Wilke (Bddk) und Helmut Becker (Bickes).

Die Mehrzahl unserer gefangen genommenen Giebringhäuser kehrte 1945 und 1946 heim. Die letzten Heimkehrer aus dem Zweiten Weltkrieg waren:

Heinrich Büddefeld 11.03.1948
Fritz Hesse 27.04.1948
Willi Peter 30.04.1948
Christian Wilke 11.07.1949
Walter Emden 07.10.1949

Die Gefallenen und Vermissten des Zweiten Weltkrieges waren:

Ernst Emde 35 Jahre, 09.07.1941 in der Nemel ertrunken
Wilhelm Hecker, 26 Jahre, gestorben 06.07.1942 in Russland im Lazarett
Heinrich Henke, 27 Jahre, gefallen 25.10.1942 bei El Alamein in Afrika
Rudolf Langendorf, vermisst seit Januar 1943
Karl Sude (Riepes), 29 Jahre, gefallen 18.02.1943 bei Nowaja/Russland
Josef Granzer, gefallen 06.06.1943 in Russland
Karl Pöttner, 34 Jahre, gefallen 11.11.1943 in Russland
Fritz Kalhöfer, 41 Jahre, gestorben 18.04.1945 Sewastopol/Krim
Fritz Vollbracht (Heinemann), 40 Jahre, vermisst seit Juni 1944 in Russland
Adolf Becker (Schürmeggers), 21 Jahre, vermisst seit 22.06.1944 in Russland
Wilhelm Gerhardt, 28 Jahre, vermisst seit 1944 in Russland
Karl Fieseler (Schnoren), 22 Jahre, vermisst seit 1944 in Rumänien
Fritz Schulze (Riepes), 23 Jahre, gefallen 14.08.1944 in Russland
Helmut Henke, 17 Jahre, gefallen 19.01.1945 bei Frankfurt/Oder
Fritz Gerhardt, 33 Jahre, vermisst seit 1945 in Russland
Fritz Peter, 20 Jahre, vermisst seit 1945 in Russland
Helmut Langendorf, vermisst seit 1945 in Deutschland
Fritz Hofmann, 32 Jahre, gestorben 29.03.1945 in Würzburg im Lazarett

Bei Rudolf und Helmut Langendorf sowie Josef Granzer handelt es sich um Söhne von ausgebombten bzw. vertriebenen Familien, die erst nach dem Krieg nach Giebringhausen kamen und vorübergehend hier wohnten.


Die Menschheit träumt seit Jahrtausenden vom Frieden und führt doch immer wieder Krieg bis zum heutigen Tage. Wir können uns glücklich schätzen, dass wir nunmehr seit über 60 Jahren von Kriegen verschont wurden.


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© 2014 by Dieter Brühne

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